Kurzgeschichte
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Menschen erzählen sich gerne
Geschichten, in denen die Tiere sprechen können. Das gibt ihnen die Freiheit und
Gelegenheit über Ideen, Vorstellungen, Wahrheiten, Ereignisse und Dinge zu
reden, die sie mit Menschengestalten nicht so getrauten. Fuchs, Wolf, Bär, Rabe,
maus, Katze, Eule, Spatz, Adler, Hund, Schlange ... die Tiere stehen für
Menschengrössen da.
Nun hört euch von der Geschichte, in
denen Maus, Hase und Bär miteinander reden:
Ein Hase und eine Maus treffen sich im
Herbst.
„Wie verbringst du den Winter“, fragt
die Maus den Hase.
„Ich fliege mit den Zugvögeln nach
Afrika“, sagt der Hase stolz.
„Sind das Flügel?“ fragt die Maus und
zeigt auf die langen Ohren des Hasen.
„Ja“, antwortet der Hase, „sind sie
nicht wunderbar lang?
„Ich fliege auch mit den Vögeln ins
warme Land“, sagt die Maus.
„Aber du hast doch keine Flügel“,
antwortet der Hase.
„Doch, doch“, sagt die Maus. „Zwar nur
ein Flügel, aber er ist sehr lang.“ Sie wedelt mit ihrem Hinterteil.
Hoch oben fliegen die Zugvögel bereits
gegen Süden.
Maus und Hase mache sich zusammen auf
den Weg. Sie rücken nahe zusammen. Sie frieren.
„es riecht nach Schnee“, sagt die Maus
leise.
„Komm, wir gehen in den Wald. Da ist es
wärmer“, antwortet der Hase.
Die beiden Tiere verstecken sich
zwischen den Bäumen. Das braune Laub raschelt.
In dieser Nacht fällt der erste Schnee.
Alles liegt unter einer weissen Decke.
Als die Maus als erste am Morgen aus dem
Laubhaufen schaut, erschrickt sie.
Kalt, weiss, nass, denkt sie. Ich
brauche eine Höhle!
Wie gut hat es der Hase. Er kann mit den
Zugvögeln nach Afrika fliegen!
„Ich kann besser fliegen, wenn du nicht
zuschaust“, sagt da der Hase.
„Ja, so geht es mir auch“, antwortet die
Maus.
„Dann: auf Wiedersehen. Jeder von uns
fliegt allein ins warme Land. Wir treffen uns in Afrika wieder.“
Der Hase springt aufs Feld und ist nicht
mehr zu sehen.
Die Maus geht alleine weiter. Plötzlich
entdeckt sie Spuren im Schnee. Sind das nicht Hasenspuren?
Frische Hasenspuren?
Zum Glück ist der Schnee nicht tief.
Sehr schnell trippelt die Maus den Hasenspuren nach.
Der Spur endet bei einer Höhle, mitten
in der steilen Felsenwand. Hier wohnt der Bär, denkt die Maus.
Der Bär ist stark und gefährlich. Ist
der Hase wirklich in der Bärenhöhle gegangen?
Doch da entdeckt die Maus den Hasen.
Zitternd vor Kälte steht er im Schatten eines Felsenvorsprungs. Die Maus
schlüpft zu ihm.
„Freund Hase, bist du noch da?“
Der Hase nickt traurig mit dem Kopf. „In
der Höhle des Bären ist es warm. Wunderbar warm, flüstert er. „Ich möchte
hinein. Kommst du mit? Wir erzählen dem Bär von unserer Reise.“ Auch die Maus
zittert.
„Was rieche ich hier?“ brummelt der mit
tiefer Stimme. Er entdeckt den Hasen und die Maus.
„Meint ihr, hier sei ein Heim für
verfrorene Kleintiere? Das ist meine Höhle, meine Bärenhöhle, für mich ganz
allein.“
„Wir wollten dir erzählen, Bär. Wir sind
mit den Zugvögeln ins warme Land geflogen. Wir sind nur zu früh zurückgekommen.“
Da horcht der Bär auf. Es ist ihm
langweilig. Er hört gerne Geschichten.
Während es draussen schneit und schneit
und schneit, erzählen die Maus und der Hase von den Palmen, vom Urwald, von der
Wüste und von vielen besonderen Begegnungen. Sie legen sich dabei ganz nahe zum
Bären und bei ihm ist es ganz weich und warm.
Bei den Geschichten schläft der Bär ein.
Er schläft tief und ruhig.
Dann flüstert der Hase: „Gut hast du
erzählt, kleine Maus. Aber ich glaube nicht, dass du wirklich fliegen kannst.
Die Maus denkt nach und sagt: „Hase, ich
kann nicht verstehen, dass du dich wohl fühlst im heissen Afrika.“
„Still“, zischt der Hase, „sonst wacht
der Bär auf.“
So bleiben Hase und Maus den ganzen
Winter beim Bären. Ganz hinten in der Höhle hatte es noch Wintervorräte
versteckt. Sie reichten für Maus und Hase bis in den Frühling.
Wir alle brauchen auch gute Geschichten.
Wir bleiben ja hier. Ob Angsthase, kleine Maus, starker Bär, mächtiger Adler,
schlauer Fuchs, listiger Wolf, kleines Lamm, wilder Dachs, oder ... was auch
immer, wir dürfen uns im gleichen Haus finden, einander Wärme, Trost und
Zufriedenheit schenken.
Wir brauchen Familie und Liebe, Frieden
und Herzenswärme, wenn es Weihnachten werden will. Keines muss mehr sein und
mehr können als es kann und je einmal fähig sein kann.
Erzählen wir einander gute Geschichten,
essen wir gemeinsam von unseren angesammelten Vorräten, schenken wir einander
Wärme, singen wir zusammen Lieder, machen wir einander Mut.

Göttibach Brücke